Die beiden Schiedsrichter Dr. Matthias Jöllenbeck (links) und Tobias Stieler

„Wir alle haben einen Schimpansen in uns“

Die FIFA-Schiedsrichter Dr. Matthias Jöllenbeck (links) und Tobias Stieler sprachen im Rahmen des Kommunalen Beirats in Hinterzarten darüber, wie Entscheidungen unter Druck entstehen – und warum in jedem von uns zwei „Stimmen“ wirken: der impulsive „Chimp“ und der rationale „Human“. Wer erkennt, welche Stimme gerade spricht, trifft bessere Entscheidungen. 


Wie wird man eigentlich FIFA-Schiedsrichter?

Tobias Stieler: Kurz gesagt: In Deutschland gibt es 24 Bundesliga-Schiedsrichter, aber nur zehn FIFA-Plätze. Wer richtig gute Leistungen zeigt, sich im passenden Altersbereich befindet und ein wenig Glück hat, kann für einen dieser Plätze nominiert werden.   

Dr. Matthias Jöllenbeck: „Richtig gut“ bedeutet: Wir werden nach jedem Spiel anhand eines internen Bewertungssystems benotet. Diese Noten fließen in ein Ranking ein, das maßgeblich für die Einstufung und mögliche Nominierung ist.
 

Auf dem Platz müssen Sie in Sekundenbruchteilen entscheiden. Wie gelingt das unter Druck – auch wenn Informationen fehlen?

Tobias Stieler: Ob auf dem Fußballplatz oder im Berufsalltag – wir treffen ständig Entscheidungen. Doch nur wenige wissen, wie diese Entscheidungen im Kopf eigentlich entstehen. Wer gute Entscheidungen treffen will, muss zunächst verstehen, was dabei im Gehirn passiert. Kurz gesagt: In uns wirken zwei Entscheidungssysteme, zwei „Stimmen“. Die erste ist der orbitofrontale Cortex – ein Bereich, der emotional gesteuert ist und blitzschnell reagiert, ohne Fakten zu berücksichtigen.  

Dr. Matthias Jöllenbeck: Dieser Teil des Gehirns trifft intuitive Entscheidungen, basierend auf Emotionen und Urinstinkten – nicht auf rationaler Analyse.  

Tobias Stieler: Der zweite Bereich ist der präfrontale Cortex. Er denkt logisch, kann sich aus der Situation herauszoomen und verschiedene Perspektiven einnehmen. Beide Systeme verfolgen unterschiedliche Ziele. In unserem Vortrag zeigen wir, wie sie miteinander interagieren – und wann man welcher Stimme den Vorrang geben sollte. Ein Professor hat das anschaulich erklärt: Den impulsiven Teil teilen wir mit Schimpansen – das ist der „Chimp“ in uns. Jeder hat einen: Ich, Matthias (zeigt auf Dr. Jöllenbeck), Sie auch. Der rationale Teil ist der „Human“ – das sind wir mit unseren Werten und Überzeugungen. Spannend ist: Den Chimp können wir nicht kontrollieren, aber wir können mit ihm arbeiten. Er schützt uns, kann aber auch stören. Der Human wägt ab und trifft reflektierte Entscheidungen. Wie beide zusammenwirken, entscheidet darüber, ob eine Entscheidung gut oder schlecht ist. Und dieses Verständnis ist der erste Schritt zu besseren Entscheidungen.  
 

Was können kommunale Entscheidungsträger davon lernen – etwa in Krisen oder kontroversen Projekten?

Tobias Stieler: Zunächst sollte man sich fragen: Wer spricht gerade in mir – der „Chimp“ oder der „Human“? In hitzigen Diskussionen lohnt es sich, genau hinzuschauen: Reagiert mein Gegenüber emotional und impulsiv, also im „Chimp-Modus“? Oder ist es der rationale „Human“, der sachlich bleibt, sich selbst nicht zu wichtig nimmt und die Situation nüchtern betrachtet? Diese Unterscheidung ist der erste Schritt zu besseren Entscheidungen. Denn impulsive Reaktionen – also Chimp-Entscheidungen – bereut man oft später. Eine Human-Entscheidung hingegen habe ich persönlich noch nie bereut. Ein Beispiel: Abends habe ich oft Lust auf Schokolade. Das ist mein Chimp, der sich meldet. Manchmal gebe ich ihm nach – und mein Human bereut es später. So lässt sich das Zusammenspiel ganz gut veranschaulichen.  

Dr. Matthias Jöllenbeck: Gerade bei weitreichenden Entscheidungen – sei es als Führungskraft oder als Bürgermeister – ist es entscheidend, Emotionen nicht die Oberhand gewinnen zu lassen. Stattdessen sollte man sorgfältig abwägen, Hintergründe klären und sich nicht von kognitiven Verzerrungen zu vorschnellen Reaktionen verleiten lassen.


Sie sagen, Fehler können „Helfer“ sein. Haben Sie ein Beispiel aus Ihrer Laufbahn?

Dr. Matthias Jöllenbeck: Davon gibt es viele – Fehler gehören zur Rolle des Schiedsrichters einfach dazu. Entscheidend ist, dass man denselben Fehler nicht zweimal macht. Wenn man versteht, warum ein Fehler passiert ist, kann man daraus lernen und ihn künftig vermeiden. Zum Beispiel, wenn man sich von Spielern täuschen lässt, liegt das oft daran, dass man nicht gründlich genug nachgedacht hat.  

Tobias Stieler: Ich habe im Laufe meiner Bundesliga-Karriere eine ganze Sammlung an Fehlentscheidungen angesammelt. In unserem Vortrag zeige ich eine Szene, in der mein „Chimp“ einen Elfmeter pfeift – impulsiv und aus dem Bauch heraus. Zwei Sekunden später meldet sich mein „Human“ und fragt: Bist du dir wirklich sicher? Ich bekomme Zweifel, sehe mir die Fernsehbilder an – und erkenne: Es war eine klare Schwalbe. Diese Erfahrung hat mich dazu gebracht, mich intensiver mit der Chimp-Human-Thematik zu beschäftigen. Ich habe mir vorgenommen, bei wichtigen Entscheidungen auf dem Platz dem „Human“ den Vorrang zu geben.  

Dr. Matthias Jöllenbeck: Wenn man merkt, dass etwas nicht stimmig ist oder Muster nicht passen, hilft es, kurz innezuhalten und nachzudenken.  

Tobias Stieler: Damals gab es noch keinen Videoassistenten – die Fehlentscheidung blieb bestehen und war sehr dramatisch. Aber sie hat mir langfristig geholfen: Durch gezieltes Training konnte ich lernen, den impulsiven Handlungsstrang zu unterbrechen. Das hat meine Entscheidungsqualität deutlich verbessert.
 

Welche Folgen hatte Ihre Fehlentscheidung damals?

Tobias Stieler: Das war im DFB-Pokalhalbfinale 2016. Mit dem Elfmeter, den ich damals gegeben habe, habe ich letztlich entschieden, welches Team ins Finale einzieht – und damit auch, wer einen zweistelligen Millionenbetrag erhält. Auch für mich persönlich hatte die Entscheidung Konsequenzen: Ich bekam eine schlechte Bewertung als Schiedsrichter.
 

Was braucht es für eine konstruktive Fehlerkultur in Verwaltungen?

Dr. Matthias Jöllenbeck: Der erste Schritt ist die Einsicht, dass Fehler passieren – sie sind menschlich und gehören dazu. Wichtig ist, dass jeder, der einen Fehler macht, ihn eingesteht und offen darüber sprechen kann.  

Tobias Stieler: Ein Konzept, das ich sehr hilfreich finde, ist die „intellektuelle Demut“ – also das Bewusstsein über die eigenen Grenzen und der offene Umgang damit. Wenn ich auf den Platz gehe, weiß ich: Ich muss rund 220 Entscheidungen treffen – und nicht alle werden richtig sein. Wenn ich merke, dass eine Entscheidung möglicherweise falsch war, spreche ich das offen an. Die Spieler schätzen das. Was hingegen hinderlich ist: Der Versuch, sich als unfehlbar darzustellen. Dieses „Verschleiernwollen“ blockiert Weiterentwicklung und verhindert einen konstruktiven Austausch.  

Dr. Matthias Jöllenbeck: Wenn ich akzeptiere, dass ich Fehler mache, weil ich ein Mensch bin – keine Maschine, keine KI – dann sind Fehler nicht mehr schlimm. Sie gehören zu mir. Wenn ich aber glaube, Fehler seien ein No-Go und strebe nach Unfehlbarkeit, werde ich daran scheitern. Was ich ändern kann, ist meine Einstellung dazu.  

Tobias Stieler: Gehe ich in ein Spiel oder in den Arbeitsalltag mit dem Anspruch „Ich darf keine Fehler machen“ – oder mit dem Ziel „Ich möchte gute Entscheidungen treffen“? Das ist ein völlig anderer Fokus und hat enorme Auswirkungen darauf, wie ich handle.
 

Wie gelingt ein guter Umgang mit Druck in Verantwortungssituationen?

Tobias Stieler: Letztlich läuft es für mich auf die Frage der Bewertung hinaus. Viele Menschen sagen: „Ich muss erfolgreich sein.“ Aber „müssen“ ist ein starkes Wort. Als Psychologe hinterfrage ich das: Was bedeutet „müssen“ wirklich? Müssen müssen wir schlafen, essen, trinken und atmen. Muss die Bahn pünktlich sein? Nein – es wäre schön, wenn. Wenn ich glaube, die Bahn muss pünktlich sein und sie ist es nicht, bin ich enttäuscht – mein „Chimp“ kommt raus und explodiert. Es sind also nicht die äußeren Umstände, die Druck erzeugen, sondern unsere Bewertung dieser Umstände.  

Dr. Matthias Jöllenbeck: Wer akzeptiert, dass Fehler dazugehören, geht entspannter durch anspruchsvolle Situationen – auch als Führungskraft.
 

Wie schaffen Sie es, Routinen zu hinterfragen und offen für Neues zu bleiben?

Dr. Matthias Jöllenbeck: Gerade in angespannten Situationen ist es wichtig, sich bewusst zu machen, worum es eigentlich geht. Wenn der „Chimp“ im Kopf impulsive Vorschläge macht, hilft es, diesen Impuls zu unterbrechen. Ein kurzes Innehalten – ein „Moment mal“ – kann schon viel bewirken. Ein konkretes Beispiel: Wenn wir nach einem Fehler vom Spielfeld zum Bildschirm laufen, um den Videobeweis zu prüfen, schauen 60.000 Zuschauer zu. Der Druck ist enorm. In solchen Momenten helfen kleine Handlungen, um sich neu zu fokussieren – etwa ein Klaps auf den Oberschenkel oder ein kurzer „Mindreset“. Man denkt bewusst an etwas völlig anderes, zum Beispiel an Pumuckl, um sich aus der emotionalen Szene herauszuziehen und wieder sachlich entscheiden zu können.
 

Welche Impulse möchten Sie Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern mitgeben, die Innovation und Veränderungsbereitschaft fördern wollen?

Dr. Matthias Jöllenbeck: Ich würde zwei Kulturen empfehlen: Eine konstruktive Fehlerkultur und eine sachliche Streitkultur. Woche für Woche erleben wir auf dem Fußballplatz, wie Emotionen kanalisiert und Sachverhalte verzerrt werden – oft mit dem Ziel, persönlichen Nutzen daraus zu ziehen. Wenn man sich stattdessen auf die Sachebene begibt, kann man mit allen Beteiligten ins Gespräch kommen und eine gemeinsame Basis schaffen.  

Tobias Stieler: Veränderung beginnt immer bei einem selbst. Wir können andere Menschen nicht verändern – es braucht den eigenen Willen, eine innere Notwendigkeit oder sogar einen gewissen Leidensdruck. Ohne diese Voraussetzung ist echte Veränderung schlichtweg nicht möglich.  

 

Zu den Personen

Dr. Matthias Jöllenbeck (38) arbeitet hauptberuflich als Orthopäde und Unfallchirurg in Freiburg. Seit 2020 ist er in der Bundesliga aktiv. Seit 2025 steht er auf der FIFA-Schiedsrichterliste. Tobias Stieler (44) ist seit 2012 Bundesliga-Schiedsrichter und seit 2014 FIFA-Schiedsrichter. Der studierte Jurist arbeitet als selbstständiger Sportpsychologe.